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Klassenführung

Johannes Mayr, Gerlinde Lenske & Barbara Pflanzl

Hintergrund und Ziele

„Disziplinprobleme von Lehrer/innen“ bzw. „Verhaltensauffälligkeiten von Schüler/innen“ gehören zum belastenden Bestandteil des Schulalltags vieler Lehrer/innen (und deren Schüler/innen). Vor diesem Hintergrund begannen Mitte der Achtzigerjahre Walter Fartacek (Pädagogische Akademie der Diözese Linz), Johannes Mayr (damals PA Linz, nunmehr Universität Klagenfurt) und Ferdinand Eder (damals Universität Linz, nunmehr Universität Salzburg) eine systematische, bis heute andauernde Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Seit einigen Jahren arbeiten auch Gerlinde Lenske (Universität Landau) und Barbara Pflanzl (PH Steiermark) im Projekt mit.

Die Zielstellung des Forschungs- und Entwicklungsprogramms bestand dabei vom Anfang an darin, Lehrerstudent/innen und Lehrer/innen Hilfestellungen für eine erfolgreiche Klassenführung anbieten bzw. Lehrerbildner/innen praktikable Konzepte und Materialien für einschlägige Studienveranstaltungen zur Verfügung stellen zu können. Im Hinblick auf diese Zielsetzung erschien es sinnvoll, neben wissenschaftlichen Theorien und Befunden auch das Alltagswissen von Lehrer/innen und Schüler/innen als Informationsquelle zu nutzen (Mayr et al., 1987a, 1987b). Dies sollte auch die Akzeptanz und die Umsetzung der Projektergebnisse bei den Lehrer/innen fördern.

Empirische Untersuchungen

In einem ersten Schritt wurden Handlungsstrategien ausfindig gemacht, die geeignet sein könnten, die Mitarbeit der Schüler/innen im Unterricht anzuregen und das Ausmaß an Unterrichtsstörungen gering zu halten bzw. einen konstruktiven Umgang mit den verbleibenden Konflikten zu erleichtern. In Betracht gezogen wurden dabei pädagogische Praktiken, die mit einem humanen und demokratischen Verständnis von Schule verträglich sind. Bei der Suche nach solchen Strategien wurden drei Wege beschritten: die Sichtung von Fachliteratur unterschiedlichster Provenienz (von der humanistischen Psychologie über systemische Ansätze bis zu den Studien zum Klassenmanagement), die mündliche Befragung von Hauptschüler/innen (Fartacek et al., 1986) und die schriftliche Befragung erfahrener Lehrer/innen.

Das Ergebnis bestand in einer Sammlung von über 1000 Ratschlägen von Praktiker/innen bzw. wissenschaftlich fundierten Handlungsempfehlungen. Diese wurden unter Zuhilfenahme von Faktorenanalysen strukturiert und zusammengefasst, indem Lehrerstudent/innen und Lehrer/innen gebeten wurden, die Brauchbarkeit der einzelnen Handlungsweisen zu bewerten. Als Zwischenergebnis entstand ein Fragebogen, der auf 35 „disziplinbezogene Handlungsstrategien“ abzielte (Mayr et al., 1987a). Parallel dazu wurde versucht, mittels eines ähnlichen Vorgehens zu einer Strukturierung des Problemverhaltens von Schüler/innen zu gelangen (Fartacek et al., 1987). Als „Nebenprodukt“ fielen dabei auch Befunde zur Bedeutung und zur Entwicklung von handlungsbezogenen Einstellungen von Lehrerstudent/innen und Lehrer/innen an (Mayr et al., 1988, Mayr & Neuper, 1991).

Auf diesen Ergebnissen aufbauend wurde in einer Studie zu klären versucht, welche der als potenziell bedeutsam ermittelten Strategien sich tatsächlich im schulischen Alltagsbetrieb bewähren. Als Forschungspartner fungierten dabei u.a. „erfolgreiche“ Lehrer/innen. Darunter wurden solche verstanden, in deren Unterricht die Schüler/innen intensiv mitarbeiten und relativ wenig stören und bei denen zugleich eine positive Lehrer-Schüler-Beziehung vorliegt (Mayr et al., 1991). Diese erste Studie wurde an Hauptschulen durchgeführt. Es folgten weitere Untersuchungen an verschiedenen Schularten, so z.B. Studien zum Führungsverhalten an Handelsakademien (Mayr, 2006) oder in Abschlussklassen von Gymnasien und berufsbildenden höheren Schulen (Mayr, 2004). Seethaler (2012) und Pflanzl, Krammer & Hecht (2015) ergänzten die Befunde durch Studien an Lehramtsstudierenden. Übersichten über diese Untersuchungen finden sich in Mayr (2008a) und Lenske & Mayr (2015a).

Die Hauptergebnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Das Verhalten erfolgreicher Lehrer/innen liegt innerhalb einer gewissen, durch die Befunde angebbaren Bandbreite. Bei manchen der untersuchten Strategien scheinen höhere Ausprägungen und bei manchen niedrigere Ausprägungen erfolgversprechend zu sein. Bei einigen Strategien scheint die relative Position innerhalb der Bandbreite ohne Bedeutung zu sein oder je nach Kontextbedingungen zu unterschiedlichen Wirkungen zu führen.
  • Die erfolgreichen Lehrer/innen wenden unterschiedliche Kombinationen von Strategien an: Manche bevorzugen Strategien, die auf die Förderung der sozialen Beziehungen gerichtet sind, andere legen das Hauptgewicht auf einen anregenden Unterricht, wieder andere wenden bevorzugt kontrollierende und disziplinierende Strategien an.
  • Die Entscheidung über die bevorzugten Strategien hängt u.a. von Merkmalen der betreffenden Schulkasse ab, manche Lehrer/innen scheinen jedoch ihr bevorzugtes Handlungsmuster relativ unabhängig von äußeren Einflüssen zu realisieren.
  • Mehrere ergänzende Studien, z. B. zur Akzeptanz unterschiedlicher Führungsstrategien durch die Schüler/innen (Mayr, 1990), zur Frage, ob unterschiedliche Schüler/innen unterschiedlich auf bestimmte Handlungsmuster reagieren (Scheidl, 1999) oder zur Rolle allgemeiner Persönlichkeitsmerkmale bei der Genese des Führungsverhaltens (Mayr & Neuweg, 2006) runden die Hauptuntersuchungen ab. Es liegen auch Studien zu ähnlichen Fragestellungen aus Deutschland (Rissland, 2002) oder der Schweiz (Schönbächler, 2006, 2008) vor, in denen dasselbe Erhebungsverfahren eingesetzt wurde wie bei den Untersuchungen der österreichischen Forschergruppe.
  • Parallel zu diesen Untersuchungen wurden Konzepte erstellt, wie die gewonnen Befunde für die Lehrerbildung nutzbar gemacht werden können (Mayr et al., 1987b; Mayr, 2002b, 2007, 2008b; Lenske & Mayr, 2015a, Mayr et al., 2017). Diese Konzepte basieren im Wesentlichen darauf, dass interessierte Lehrer/innen ihr pädagogisches Handeln mit dem in den empirischen Studien entwickelten Fragebogen – dem „Linzer Diagnosebogen zur Klassenführung“ (LDK) – selbst einschätzen, von ihren Schüler/innen entsprechende Rückmeldungen einholen und ihr eigenes Verhalten mit den empirisch gewonnenen Bandbreiten vergleichen. Ausgehend von den dabei sichtbar werdenden Stärken werden Schritte überlegt, wie das eigene Handeln in eventuellen Problembereichen verbessert werden kann. Die für den Einsatz des LDK erforderlichen Anleitungen und Materialien sind über die LDK-Homepage abrufbar.

Literatur